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Merz sagt „Öffnen Sie Ihre Türen für KI“. Ist das der Freifahrtschein für ChatGPT und Claude?

Der Kanzler hat den Mittelstand aufgefordert, die Türen für KI zu öffnen. Wir haben geprüft, was wirklich gesagt wurde – und ob das reicht, um Firmendaten in ChatGPT oder Claude zu kopieren.

Autor: P-CATION

Eine halb geöffnete dunkelblaue Stahltür in einer Maschinenwerkstatt, auf der Schwelle zwischen Licht und Schatten ein mit Kupferband verschnürter Aktenstapel und ein Kupferzahnrad
KI-generiertes Bild
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„Please open your doors for AI to make use of your data.“ – „Bitte öffnen Sie Ihre Türen für KI, um Ihre Daten zu nutzen.“

Das ist kein Werbespruch eines Softwareanbieters. Diesen Satz hat Bundeskanzler Friedrich Merz diese Woche in Berlin vor Führungskräften gesagt, neben NVIDIA-Chef Jensen Huang. Gemeint war ausdrücklich der Mittelstand.

Manche Geschäftsführung wird das als offizielles Signal verstehen: Wenn selbst der Kanzler es sagt, darf das Team endlich ChatGPT und Claude für echte Arbeit nutzen. Andere hören das Gegenteil und lassen ihr Verbot bestehen.

Beide Lesarten gehen an dem vorbei, was tatsächlich gesagt wurde. Prüfen wir also die Beweislage.

Stand: 22. Oktober 2026. Die Zitate stammen aus dem englischsprachigen Gespräch, wie es NVIDIA und heise wiedergeben, ergänzt um ein Transkript der Aufzeichnung. Die deutschen Fassungen sind unsere Übersetzungen. Dieser Beitrag ist keine Rechtsberatung.

TL;DR

  • Ja, es ist eine öffentliche Einladung, KI zu nutzen. Merz hat den Mittelstand ausdrücklich aufgefordert, KI mit den eigenen Unternehmensdaten einzusetzen.
  • Nein, es ist keine Empfehlung für ChatGPT oder Claude. Keines der Produkte wurde genannt. Es ging um industrielle und physische KI.
  • Und es ist kein Blankoscheck für Ihre Daten. Huang argumentierte, Deutschland solle sein Wissen nicht exportieren, um die eigene Intelligenz anschließend zurückzukaufen.
  • Ihre Beschäftigten warten vermutlich ohnehin nicht auf eine Erlaubnis. Die eigentliche Frage lautet: nach wessen Regeln wird KI genutzt?

Was in Berlin tatsächlich gesagt wurde

Das Gespräch eröffnete den zweitägigen Invest-in-Germany-Gipfel im Kraftwerk Berlin. Begleitend unterzeichneten Bundesregierung und NVIDIA eine Absichtserklärung zu physischer KI und zur Plattform Industrie 4.0.

Merz nannte den Mittelstand „den größten Vorteil, den wir in Deutschland haben“, und fuhr fort:

„Please, open your doors for AI to make use of your data. This is so decisive for the German future.“

(Bitte öffnen Sie Ihre Türen für KI, um Ihre Daten zu nutzen. Das ist so entscheidend für die Zukunft Deutschlands.)

Huang griff den Gedanken auf – mit einer Wendung, die viele Schlagzeilen ausgelassen haben:

„The data of Germany is part of your natural resources. It belongs to the nation. […] You should import the technology to harvest that data and turn it into your national intelligence, but you should not export your culture, export your values, export your knowledge, export your history, and then import German intelligence back.“

(Die Daten Deutschlands sind Teil Ihrer natürlichen Ressourcen. Sie gehören der Nation. […] Sie sollten die Technologie importieren, um diese Daten zu erschließen und daraus Ihre nationale Intelligenz zu machen. Aber Sie sollten nicht Ihre Kultur, Ihre Werte, Ihr Wissen und Ihre Geschichte exportieren und dann deutsche Intelligenz zurückimportieren.)

Wenig später sprach er den Mittelstand direkt an. Erfahrene Fachkräfte gehen in Rente, und ihr Können geht mit ihnen:

„Take advantage of artificial intelligence. Let them codify. Let them program. Let them teach this artificial intelligence and keep it here in Germany.“

(Nutzen Sie künstliche Intelligenz. Lassen Sie diese Menschen ihr Wissen festhalten, programmieren und der KI beibringen – und behalten Sie es hier in Deutschland.)

Die Beweisaufnahme: drei Behauptungen, drei Urteile

Behauptung 1: „Die Regierung will, dass Unternehmen KI nutzen.“

Urteil: bestätigt. Hier gibt es wenig Interpretationsspielraum. Der Kanzler hat KI nicht nur toleriert, sondern Unternehmen aufgefordert, ihre eigenen Daten damit zu nutzen. Wer als KI-Strategie noch „abwarten“ hat, kann sich jedenfalls nicht mehr auf die politische Stimmung berufen.

Behauptung 2: „Also heißt das: ChatGPT und Claude nutzen.“

Urteil: nicht gesagt, aber auch nicht ausgeschlossen. Keiner der Namen fiel. Die Beispiele waren autonome Fahrzeuge, Robotik, digitale Zwillinge und Fabriken – nicht das Formulieren von E-Mails.

Für Abschottung plädierte Huang allerdings auch nicht: Unternehmen würden „selbstverständlich die beste KI-Technologie und die besten KI-Dienste der Welt nutzen“, hätten aber alle Voraussetzungen, eigene KI aufzubauen. Führende internationale Modelle gehören also zum Bild. Sie sind Werkzeuge, nicht der Ort, an dem Ihr Wissen landen sollte.

Behauptung 3: „Dann dürfen wir unsere Firmendaten hochladen.“

Urteil: als Pauschalaussage widerlegt. Der Kern von Huangs Antwort ist das genaue Gegenteil von „alles ins Chatfenster kopieren“. Ihr Prozesswissen, Ihre Produktdaten und die Erfahrung Ihrer langjährigen Mitarbeitenden werden als Ressource beschrieben. Die Technologie wird importiert, um diese Ressource zu nutzen. Weggegeben wird sie nicht.

Gesamturteil: Es ist eine öffentliche Einladung, KI zu nutzen. Ein Freifahrtschein für den unkontrollierten Einsatz von ChatGPT, Claude oder anderen Diensten mit Firmendaten ist es nicht.

Der unbequeme Teil: Die Türen sind längst offen

Viele Unternehmen diskutieren noch, ob sie ChatGPT erlauben sollen, während die Belegschaft das längst für sich entschieden hat.

In einer Bitkom-Befragung von 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, veröffentlicht im Oktober 2025, gaben 8 % an, dass private KI-Nutzung am Arbeitsplatz weit verbreitet ist. Weitere 17 % berichteten von Einzelfällen. Nur 26 % stellten ihren Beschäftigten offiziell generative KI bereit. Nur 23 % hatten Regeln für die Nutzung.

Genau das ist die Provokation, die der Satz des Kanzlers nicht auflöst: Ein Verbot, das niemand durchsetzt, ist keine Datenschutzstrategie. Es verlagert die KI-Nutzung lediglich auf private Konten – außerhalb Ihrer Verträge und außerhalb Ihres Blickfelds.

Was ein privates Konto von einer Unternehmenslösung unterscheidet

Hinter demselben Markennamen können sehr unterschiedliche Bedingungen stehen. Prüfen Sie vor einer Entscheidung mindestens diese Punkte:

  • Training mit Ihren Daten: OpenAI gibt an, Daten aus ChatGPT-Business-Tarifen und der API standardmäßig nicht für Training zu verwenden. Anthropic sagt dasselbe für Eingaben und Ausgaben seiner kommerziellen Produkte. Ausnahmen wie Opt-ins oder eingereichtes Feedback gehören in Ihre Richtlinie.
  • Wo Daten gespeichert und verarbeitet werden: OpenAI bietet europäische Datenresidenz für neue ChatGPT-Enterprise- und Edu-Workspaces sowie neue API-Projekte. Verarbeitungsorte unterscheiden sich je nach Anbieter, Produkt und Vertrag. Prüfen Sie sie für den Tarif, den Sie tatsächlich kaufen, statt sich auf Schlagzeilen zu verlassen.
  • Vertrag und DSGVO: Sie brauchen einen Auftragsverarbeitungsvertrag, eine Rechtsgrundlage für personenbezogene Daten und eine Entscheidung, welche Daten überhaupt verwendet werden dürfen. Ein Business-Tarif ersetzt diese Schritte nicht.
  • KI-Kompetenz: Artikel 4 der EU-KI-Verordnung verlangt von Anbietern und Betreibern Maßnahmen, um die KI-Kompetenz der Personen zu fördern, die in ihrem Auftrag mit KI-Systemen arbeiten. Konten ohne Anleitung zu verteilen, wird diesem Anspruch nicht gerecht.

Eine pragmatische Ampel für Ihre Daten

Eine einfache Einteilung in drei Stufen hilft in der Praxis mehr als ein pauschales Ja oder Nein:

  1. Grün: öffentliche oder unkritische Inhalte. Website-Texte, allgemeine Recherche, Formulierungshilfe, Lernen. Ein freigegebenes Business-Konto genügt.
  2. Gelb: intern, aber nicht personenbezogen. Prozessbeschreibungen, interne Dokumentation, Angebotsvorlagen. Nur in freigegebenen Werkzeugen mit Vertrag, ohne Training mit Ihren Daten und mit klaren Regeln.
  3. Rot: personenbezogene Daten, Geschäftsgeheimnisse, Produktions- und Konstruktionswissen. Kunden- und Personaldaten, Kalkulationen, Konstruktionsdaten, das Know-how Ihrer besten Fachleute. Nur mit bewusst gestalteter Architektur: definierte Speicherorte, Berechtigungen, Protokollierung und eine geprüfte Modellanbindung.

Die rote Stufe ist das, was Huang mit nationaler Ressource meinte. Für ein mittelständisches Unternehmen ist sie schlicht der Kern seiner Wettbewerbsfähigkeit.

Fünf Schritte für diesen Monat

  1. Fragen statt vermuten. Erheben Sie anonym, welche KI-Werkzeuge Ihre Teams bereits nutzen und wofür.
  2. Eine freigegebene Option bereitstellen. Private Konten entstehen dort, wo es keine offizielle Alternative gibt.
  3. Eine einseitige Regel veröffentlichen. Die Ampel oben plus Beispiele aus dem eigenen Haus reichen für den Anfang.
  4. Mit echten Aufgaben schulen. Zeigen Sie, was KI gut kann, wo sie Dinge erfindet und was niemals in einen Prompt gehört.
  5. Einen Anwendungsfall aus der roten Zone bewusst wählen. Zum Beispiel das Wissen eines erfahrenen Servicetechnikers in einem Wissenssystem festhalten, das unter Ihrer Kontrolle bleibt.

Beim letzten Schritt wird Huangs Argument konkret. Ihre Wissensbasis muss nicht im Chatverlauf eines ausländischen Anbieters liegen. Bei LIVOI laufen Anwendung und zentrale Datenspeicher in einem deutschen Rechenzentrum. Modellaufrufe und externe Dienste werden separat konfiguriert und bewertet. Genau diese Trennung sollte jedes Unternehmen bewusst entscheiden – unabhängig davon, welche Plattform es nutzt.

Wann Ihnen dieser Beitrag nicht weiterhilft

Wenn Ihr Unternehmen besonders sensible Daten verarbeitet, etwa Gesundheitsdaten oder Verschlusssachen, brauchen Sie eine eigene rechtliche und sicherheitstechnische Bewertung. Eine Ampel ist ein Einstieg, kein Ersatz für eine Datenschutz-Folgenabschätzung.

Häufige Fragen

Hat Merz ChatGPT oder Claude empfohlen?

Nein. Keines der Produkte wurde genannt. Er hat Unternehmen aufgefordert, KI mit ihren Daten zu nutzen. Die Beispiele im Gespräch stammten aus industrieller und physischer KI.

Ist es in Deutschland verboten, ChatGPT oder Claude im Job zu nutzen?

Nein. Für personenbezogene Daten brauchen Sie aber eine Rechtsgrundlage, einen passenden Vertrag und angemessene Schutzmaßnahmen. Kundendaten in ein privates Konto zu kopieren, ist etwas anderes als ein vertraglich geregelter Business-Tarif.

Ist ein privates Konto in Ordnung, wenn ich vorsichtig bin?

Wir raten davon ab. Sie verlieren die Kontrolle über Vertragsbedingungen, Speicherdauer und Einstellungen. Eine freigegebene Business-Option ist in der Regel günstiger als das Risiko.

Heißt „keep it here in Germany“, dass nur deutsche KI-Modelle infrage kommen?

Laut Gespräch nicht. Huang ging davon aus, dass Unternehmen die besten verfügbaren KI-Dienste nutzen. Entscheidend ist die Kontrolle über die eigenen Daten und das eigene Wissen.

Unsicher, wo Sie anfangen sollen? Wir helfen Unternehmen, Anwendungsfälle zu finden, die Wert schaffen, ohne ihr Wissen aus der Hand zu geben.

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